Übrigens: Volkskultur blüht auch in der Agglo

Veröffentlicht am 10 Oktober 2007, 11:19 in Begriff.

von Daniel Wiener, Geschäftsleiter ecos, Basel

Schön, dass sich endlich auch ein Kulturförderer aus einem städtisch geprägten Umfeld in die laufende Debatte eingeschaltet hat (siehe Kommentar von gestern). Aus der Sicht der Diskussion, wie sie bisher geführt wird, ist Volkskultur vor allem Jodel, Fahnenschwingen, Alphornblasen. Diese Volkskultur-Formen stammen aus ländlichen Gebieten, sind dort sehr populär und gut verankert, werden vom “echos”-Programm angesprochen und haben ihre Ableger in den Städten.

Die Agglomerationen bringen aber auch eigene Volkskultur-Formen hervor, über die an dieser Stelle noch zu wenig gesprochen wurde. Dazu gehören beispielsweise die verschiedenen Fasnachtsbräuche, in Basel, aber auch in Bellinzona oder in St. Gallen. Noch nie hat eine Fasnachtsclique einen Lotteriefonds- oder einen Pro Helvetia-Antrag gestellt, auch wenn Innovation hier oft gross geschrieben wird. Ein anderes Beispiel, wo doch ab und zu Gelder aus öffentlichen Töpfen fliessen, sind Volkskultur-Anlässe und -Künste von Migrantinnen und Migranten, die oft unter einem Label wie “Kulturwochen” oder “Gastspiel” unterstützt werden.
Diese Beispiele zeigen, dass die Grenzen dessen, was unter dem Titel “Volkskultur” gefördert wird oder nicht, sehr stark geprägt werden durch Fördergewohnheiten und weniger durch logisch erklärbare Kriterien. Es ist sicher an der Zeit, darüber systematischer nachzudenken.

Dieser Beitrag reflektiert die Meinung der Autorin / des Autors und nicht zwingend diejenige der Redaktion.

15 Kommentare zu 'Übrigens: Volkskultur blüht auch in der Agglo'

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  1. 10 Oktober 2007, 21:16

    Ein berechtigter Einwand. Deshalb erscheint es mir auch unzureichend, die sogenannte “Volkskultur” nur mit ländlichen Gegenden in Zusammenhang zu bringen. Auch in urbanen Gegenden gibt es “Volkskultur”, nur ist sie da heterogen und nicht homogen.
    Vor diesem Hintergrund macht der Begriff meiner Meinung nach keinen Sinn mehr, da seine Aussagekraft gegen Null geht.


  2. 10 Oktober 2007, 22:18

    Ja, ja… seit Jahrzehnten schon suchen die KulturwissenschafterInnen (ehemals ‘VolkskundlerInnen’) im deutschsprachigen Raum nach dem alles erklärenden Wunderwort. ‘Alltagskultur’ und Populärkultur’ waren schon die Vorschläge - konnten jedoch dieser ‘traditionalen Kultur’, welche sowohl im ländlichen als auch im stadtischen (und Agglo-) Raum ihre vielfältigen Erscheinungsformen zeigt, nicht gerecht werden.

    Vielleicht wäre ja der Begriff „traditionelle oder traditionale Kultur“ (von lat. tradere „hinübergeben“ bzw. traditio „Übergabe, Auslieferung, Überlieferung“) gar nicht so schlecht! Denn Tradition sollten wir ja beileibe nicht mit „etwas konservieren“ (konservativ) verwechseln. Tradition hat m.E. nur dann ihre Sinnberechtigung, wenn sie sich stetig aus dem Überlieferten weiterentwickelt.


  3. 11 Oktober 2007, 10:08

    Vielleicht ist es gar nicht notwendig, das “Wunderwort” zu suchen? Mir reicht eine Arbeitsdefinition. Ansonsten läuft man Gefahr, das ursprüngliche Thema aus den Augen zu verlieren. Am Ende gibt es dann keine Förderungen, weil man sich nicht auf die richtigen Begrifflichkeiten einigen konnte.

    Diese Gefahr scheint mir bei der gerade stattfindenden Diskussion recht groß zu sein, wenn ich mir diese Anmerkung erlauben darf.

    Abgesehen davon: ich würde, wenn es um die Förderung von MusikerInnen oder Gruppen geht, viel lieber den Begriff Kunst verwenden.

  4. Daniel Wiener schrieb,

    12 Oktober 2007, 14:24

    Es geht nicht um Begriffsklauberei oder ausschliesslich um Wissenschaft. Es stellt sich auch die Frage, welches “Volk” wir vor unserem inneren Auge sehen, wenn wir “Volkskultur” sagen. Und da sind wir schon bei der Politik. Es gibt ja Leute, die allzu gerne “völkische Kultur” sagen wüden, um zu verdeutlichen, was sie meinen, wäre der Begriff nicht so belastet.
    Ich kann angesichts der heutigen Schweizer Realität das Wort “Volk” nur multikulturell verstehen. Wer also die Traditionen der alteingesessenen, ländlichen Bevölkerung fördern und erneuern will, darf die anderen Volksteile, zum Beispiel Migrationskulturen oder nichtchristliches religiöses oder gar tradiertes “heidnisches” Brauchtum nicht ausschliessen.
    Im “Melting Pot” Schweiz kann daraus eine ganz neue Identität entstehen - mit grosser Bedeutung nicht nur für die Kultur im engeren Sinn, sondern auch für unser Geschichtsbewusstsein, das gesellschaftliche Zusammenleben, unsere Politik und die Wirtschaft (siehe z.B. die Kampagne “Basel zeigt Haltung” gegen die “Schaf”-Plakate unter http://www.welcome-to-basel.bs.ch/).


  5. 12 Oktober 2007, 22:16

    @ Daniel Wiener: so sehe ich das auch. Und damit ist auch klar, dass ein Begriff wie Volkskultur ausgedient hat.


  6. 13 Oktober 2007, 10:31

    Falls meiner Forderung nachgelebt werden würde, dass Kulturförderer ihr teils enges bzw. elitäres Kulturverständnis (ich rede nicht von KUNST!) erweiterten, dann müssten wir nicht mehr über ‘DIE VOLKSKULTUR’ debattieren. Fairerweise muss ich schon anfügen, dass hier schon bei einigen Kulturförderern ein Umdenken stattgefunden hat. So wie die 80er Jahre damals einen wahren Quantensprung in der Kulturförderung auslösten, so müsste es heute eigentlich möglich sein, aus Vernunftgründen, das freund-eidgenössische Kulturverständnis zu erweitern. Wie es übrigens im EU-Raum schon lange gang und gäbe ist.


  7. 15 Oktober 2007, 13:22

    Ist das Verständnis denn wirklich ein elitäres? Ich bin mir da gar nicht so sicher und kann mir vorstellen, dass es ein eher diffuses ist. Wahrscheinlich müsste man sich an diesem Punkt aber die Förderkonzepte im Detail anschauen, denn das trifft nicht pauschal auf alle zu.


  8. 15 Oktober 2007, 17:10

    Ich verstehe das so, dass sich das Etikett “elitär” immer durch das Überwiegen von etwas „Normalen“ abhebt. Wie der Heilige vom Sünder, wie der Held vom Feigling, ober eben wie die Hochkultur von der ‘Volkskultur’”. Beides ist ohne sein Gegenteil nicht definierbar. Wenn jedoch auch in der Schweiz endlich als Synthese davon als Oberbegriff einfach die KULTUR stehen und auch so verstanden würde (s. meinen Beitrag über die ‘Vermischung von Kunst und Kultur auf http://volkskultur.blogspot.com), gäbe es endlich weniger zu deuteln und zu dünkeln.

  9. dide marfurt schrieb,

    17 Oktober 2007, 23:01

    Dr. Dieter Ringli hat in seinem Buch “Schweizer Volksmusik” (Mülirad-Verlag) den Begriff “Volkskultur” für die Musik sehr präzise definiert. Ich möchte allen ans Herz legen dieses Buch zu lesen, denn es beseitigt diverse Missverständnisse, welche auch in dieser Diskussion immer wieder auftauchen.
    Wieso brauchen wir einen neuen Begriff dafür? Es kommt doch auch niemanden in den Sinn für “Schuhe” einen neue Begriff zu suchen. Jeder weiss was Schuhe sind, auch wenn sie sich verändern.
    Nur weil die “völkisch” gesinnten Gruppierungen auch aus diesem Topf schöpfen ist nicht sein Inhalt schlecht. Wenn wieder viele daraus schöpfen, entsteht auch wieder die gewünschte Vielfalt. Schauen sie in den Keltischen Kulturraum. Die völkisch Gesinnten fungieren unter “ferner liefen”.
    Aber eines ist es eben gewiss NICHT: nämlich Kunst. Auch wenn es Können voraussetzt. Eine Artifizierung ist absolut unnötig und nur von Leuten gewünscht die andere Ideale haben und sich eine Elite wünschen. Auch diese Bemühungen bestehen im keltischen oder im nordischen Kulturraum, werden aber dort nur belächelt. Selbstverständlich setzen Leute wie Markus Flückiger oder Marcel Oetiker neue Massstäbe, aber das ist beileibe nichts Neues. Sie stehen einfach in der Tradition.
    Und noch was: wer im Ernst noch glaubt Volksmusik sei eigentlich “nur” eine ländliche Kultur hat die letzten 15 Jahre verschlafen.
    Darum mein grosses Anliegen einmal mehr: Ich kann damit leben wenn man sagt: wir fördern keine Volkskultur. Aber ich kann nicht damit leben, wenn man sagt; wir fördern nun Volkskultur, aber dafür müssen wir sie neu definieren. Ich kann nicht damit leben, wenn dafür Leute zuständig sind, die mit dieser Kultur nichts am Hut haben oder sie gar belächeln.

  10. Kati schrieb,

    7 November 2007, 19:47

    Es ist nicht unbedingt so, dass in ländlichen Gegenden nur “die Traditionen der alteingesessenen Bevölkerung” gelebt wird. Auch auf dem Land gibt es multikulturelle Volkskultur. Ein Beispiel für Anlässe, die explizit die Schweizer Volksmusik mit internationaler oder auch klassischer Musik verbinden, bietet die KlangWelt Toggenburg (http://www.klangwelt.ch). Sowohl am Festival “Naturstimmen” als auch am “Saitenwind” sind internationale Chöre und Musiker aufgetreten und es gab “schweizerisch-international” gemischte Konzerte. Ach ja, und es gibt den Coro Alpino Toggenburg, bestehend aus Migranten (und deren Nachfahren) aus Italien, die hier im Toggenburg ihr italienisches Liedergut pflegen.


  11. 8 November 2007, 11:58

    Was heisst denn ‘multikulturelle Volkskultur’? Ist das die Mixtur aus Schottisch, Salsa und Cajun?

    Wenn der ‘Coro Alpino Toggenburg’ ihr italienisches Liedergut pflegen, ist das für mich nicht ‘multikulturell’, sondern schlicht und einfach ‘kulturell’ - nämlich die Kultur ihrer Herkunftsregion betreffend.

    Wird ‘Schweizer Volksmusik’ multikulturell, wenn sie sich mit internationaler oder ‘klassischer’ Musik verbindet?

    Wshalb hören wir urbanen Menschen so gerne ‘ausländischen Folk’? Die Iren, die Norweger, die Schweden - die spielen und tönen doch urtraditionell? Oder: Weshalb sollte ein Symphonieorchester Blues intonieren? Fragen über Fragen.

  12. Kati schrieb,

    22 November 2007, 16:22

    Natürlich, der Coro Alpino Toggenburg vertritt die Italienische Kultur. Aber wenn er dies vor einem Publikum eines anderen kulturellen Hintergrund tut, wird die Veranstaltung für mich multikulturell, da zwei Kulturen auf gleichem Raum aufeinandertreffen und ein Ausstausch stattfindet. Ausserdem leben ja viele der Sänger des Chors die Schweizer Kultur. Oder ein anderes Beispiel dafür, wie ich multikulturell verstehe: Schon eine Ehe zwischen einem Inder und einer Schweizerin ist multikulturell und nicht erst ihr gemeinsames Kind.


  13. 22 November 2007, 17:54

    Ja natürlich. So kann ich Ihnen voll und ganz zustimmen. Doch noch ein kleines Detail: ‘Italienische Kultur’? Ich glaube, die ländlich geprägte Kultur drückt sich v.a. in regionalen Idiomen und Eigenarten aus. Trotz Globalisierung halte ich es mit der kulturellen Vielfalt. VIELFALT STATT EINFALT!

  14. Omar schrieb,

    15 April 2008, 9:01

    Hallo, bin per Zufall auf Euren Blogg geraten. Als MItglied des Coro Alpinos kann ich Euch nur sagen, dass ein drittel der Sänger Schweizer sind und kein Wort italienisch sprechen. In den Proben wird italienisch und Schwiitzerdütsch gesprochen und wir essen und trinken nach den Proben alle gemeinsam und singen in italienisch wie auch in deutsch. Ich als Secondo mit kann nur sagen es ist toll!! Ach ja, da wir auch Deutsche dabei haben sind wir wirklich multi-kulti :-)

  15. Daniel Wiener schrieb,

    24 Februar 2009, 16:55

    Nachdem weit über die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer in Agglomerationen leben, kann eine fast rein ländliche Definition der Volkskultur, wie sie zum Beispiel bei SF TV nach wie vor gepflegt wird, nicht mehr aufrecht erhalten werden. Eine weitere Dimension kommt jetzt mit der Finanzkrise hinzu, die sich zu einer Identitätskrise der Schweiz ausweitet: Die Volkskultur gewinnt an Bedeutung, weil etwa die wirtschaftliche Identität - zum Beispiel das Bankgeheimnis - ins Wanken gerät. In dieser Situation ist es besonders wichtig, dass Volkskultur möglichst Viele anspricht und von Vielen getragen wird. Denn die kulturelle Identität ist jene, die übrig bleibt, wenn die anderen Identitäten in die Krise geraten: Die Politik, die Ökonomie, die Umwelt. SF TV und andere Multiplikatoren sollten es sich zur Aufgabe machen, durch Wahrnehmung von Volkskultur im weiteren Sinn (und in allen Regionen) der Schweiz Halt und Orientierung zu bieten, damit wir mit dem nötigen Selbstbewusstsein die bevorstehende Integration in den globalen, wirtschaftlichen Mainstream proaktiv anpacken können. Die Kultur ist wohl der einzige Sonderfall, der erwünscht und auch zu fördern ist. Gleichzeitig ist die Kultur und gerade die Volkskultur auch dafür geeignet, solche gesellschaftlichen Veränderungen zu reflektieren. Es reicht in einer Krisensituation nicht, wenn dies nur über die sogenannte “Hochkultur” oder “professionelle Kultur” geschieht. Die Volkskultur spielt angesichts tiefer Verunsicherung eine entscheidende Rolle, gerade weil sie oft auf die Wurzeln unserer Herkunft und Tradition zurückgreift. “Unsere” Tradition ist jedoch nicht mehr nur der Alpenraum mit seinen BerglerInnen, sondern viel breiter zu fassen.

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