Jung und Alt lieben volkstümliche Musik

Veröffentlicht am 25 November 2009, 20:09 in Folklore, Verschiedenes, Veranstaltungen.

Von Martin Sebastian      www.folkloreexperte.ch

Die Finalsendung «Die grössten Schweizer Hits» gibt noch mehr zu reden als alle vorangegangenen “Hitsendungen”. Es ist aber nicht so, wie viele behaupten und was manche Tageszeitungen schrieben. Es sind nicht nur die Alten, sprich 50+, die für die volkstümlichen Lieder stimmten, bzw. anriefen. Die Sendungen werden auch nicht nur von einem überaltertem Publikum geschaut. Auch die Jungen lieben Volksmusik und Schlager. NUR: Wenn es dann darum geht, dazu zu stehen, haben manche “noch” Mühe. Es verhält sich etwa gleich, wie bei den Leuten, die den Blick in der NZZ lesen. Man will wohl dabei sein, aber es ziemt sich nicht dafür einzutreten.

Die Quoten für die Sendungen “Die grössten Schweizer Hits” sind hervorragend. Ob das freilich reicht, nächstes Jahr auch noch eine fünfte Ausgabe des TV-Quotenknüllers zu produzieren? Es darf gezweifelt werden. Mit dem Sieger der vierten Staffel jedenfalls hat sich eines erneut gezeigt: Volkstümliches und Schlager dominierten.

Kein Wunder: Nach dem Polo-Hofer-Gassenhauer «Alperose», der irgendwie auch noch unter volkstümlich durchgeht, siegten nur noch reine Volksmusikanten: Der «Schacher Seppli» Ruedy Rymann 2007 (er starb neun Monate nach seinem Sieg an Krebs), der Berner Jodeltruppe Oesch`s die Dritten 2008 und jetzt mit dem Nidwaldner Jodlerklub Wiedenberg und Francine Jordi gleich nochmals Vertreter des gleichen Genres.

An der Aftershow-Party in der Bodensee Arena in Kreuzlingen jedenfalls wurde dieses Thema vor- und rückwärts diskutiert. Die Fragen waren etwa: Gewinnen die Volksmusiker, weil deren Anhänger keine Partygänger sind und somit am Sonntagabend nicht auf der Piste, sondern zu Hause auf der Couch? Und ist dieses - meist ländliche - Publikum eher bereit, per Telefon oder SMS Stimmen an ihre Favoriten abzugeben als die jungen Urbanen, deren Favorit Bligg noch vor dem abwesenden Finalisten Gölä immerhin den zweiten Platz erreichte? Oder hat die Doppelrolle von Francine Jordi als Moderatorin und Sängerin zu mehr Stimmen verholfen? Oder geben die Jungen nicht zu, dass sie Volksmusik eigentlich auch lieben? Oder?

Das Schweizer Fernsehen DRS gibt über die eingegangenen Anrufe keine Rechenschaft ab. Leider! Die Voting-Punkte des TV-Publikums sollen dafür ausreichen. Würde die Story stimmen, dass Stars wie Francine Jordi nur dank ihres riesigen und emsigen Fan-Clubs jedesmal in den vordersten Rängen landet, dann hätte das 100-köpfige Wunderbar-Ensemble mit seinem riesigen Verwandten- und Bekanntenkreis  zumindest unter die Top 3 kommen müssen. Doch weder sie noch Schlagersänger Stefan Roos und seine Sängerfreunde schafften das. Theorien bleiben nun mal Theorien, solange das Fernsehen keine konkreten Zahlen nennt.

Die Finalsendung jedenfalls, und das war die Meinung aller an der Aftershow-Party, war die mit Abstand beste der vierten Staffel. Moderator Sven Epiney blieb wie immer ohne Fehl und Tadel. Die drei sogenannten «Gschpänli» auf den Stühlen im Spotlight hingegen übertrafen sich geradezu mit Kalauern und gegenseitigen Anmach-Sprüchen. Sie improvisierten mit Epiney gekonnt den ABBA-Titel «Take A Chance On Me» a capella, sangen beim Gölä-Titel «I ha di gärn» ebenso lauthals karaoke-mässig mit wie bei «Bella Musica» von Nella Martinetti. Die Tessinerin, die das Lied kurz zuvor im Tonstudio - eine Tonlage tiefer - extra für die TV-Sendung nochmals aufgenommen hatte, musste wegen ihrer schweren Krebserkrankung passen. Das Publikum feierte sie während ihrer Abwesenheit euphorisch.

Mit Lärm, Gekreisch und Szenen-Applaus versuchten euphorische Bligg-Anhänger in der Arena, das Stimmvotum für Bligg zu beeinflussen. Kaum fiel sein Name und kaum tauchte er auf, ging das Gekreisch von vorne los. Es half nicht; Bliggs Rap, mit Volksmusik aufgemotzt, schaffte nur den zweiten Platz. Trotzdem war der Zürcher zufrieden. «Ich habe den Jodlerklub Wiesenberg von Anfang an als Top-Favoriten angesehen», so Bligg gegenüber dem Klein Report. «Ich bin überhaupt nicht enttäuscht.» Lustig, dass ausgerechnet Sepp Amstutz, Vorsinger des Siegertitels «Das Feyr vo dr Sehnsucht», bei Bligg Autogramme für seine Kinder holte.

SF DRS wird sich eine fünfte Staffel reiflich überlegen müssen. Auch wenn die Schweizer Musikszene boomt wie nie zuvor, bei den Oldies musste man bereits in die internationale Kiste greifen und von Beatles, Rolling Stones, Pink Floyd bis Michael Jackson die Grössten der Szene «verarbeiten».

Und die eingespielten Sprüche der TV-Promis waren auch schon spontaner. Es sind ja auch nicht alle so echt wie Polo Hofer oder so witzig wie René Rindlisbacher, der spontan von Epiney aufgefordert, noch Sketches zu den Songtiteln improvisieren musste. Ob «MusicStar» oder «Die grössten Schweizer Hits»: Eines haben beide Sendungen trotz der teils miserablen Presse gemeinsam: Die Einschaltquoten stimmen noch immer.  Was die eingangs beschriebene These klar belegt: Jung und Alt lieben volkstümliche Musik. Nur sollte man noch klarer dazustehen.

Dieser Beitrag reflektiert die Meinung der Autorin / des Autors und nicht zwingend diejenige der Redaktion.

Ein Kommentar zu 'Jung und Alt lieben volkstümliche Musik'

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  1. Peter Keller schrieb,

    26 November 2009, 12:30

    Von Peter Keller, Redaktor Weltwoche
    Auch der grösste Schweizer Hit 2009 kommt aus der volkstümlichen Ecke. Weil die Bauern schlauer sind als ihre Konkurrenten!
    Selten wurde ein Versprechen so konsequent eingelöst: Seit «Die grössten Schweizer Hits» auf Sendung gingen, räumten mit Polo Hofer 2006 («Alperose»), Ruedi Rymann 2007 («Dr Schacher Seppli»), Oesch’s die Dritten 2008 («Ku-Ku Jodel») verlässlich jene Finalisten ab, die exakt das lieferten, was der Titel versprach: einen Schweizer Hit. Musik aus der Region. Für die Region. Oder kennt jemand über das alpenländische Getto hinaus einen Polo Hofer? Versteht nur schon ein Bajuware die Ballade vom mausarmen, aber gemütvollen Landstreicher Schacher Sepp?

    Nun der vierte Schlag. Das «Feyr vo dr Sehnsucht» loderte, Francine Jordis Décolleté wogte, die strammen Mannen aus Nidwalden jodelten – und gewannen mit fast der Hälfte der Stimmen die Staffel 2009. Offenbar stimmte die Mischung: zwanzig Bergler und eine Zwitscherlerche. Volksmusik und Schlager. Heimat, Glück, Idylle. Kuhfladen mit Zuckerguss. Über eine halbe Million Zuschauer war entzückt von dieser Kombination. Dafür guckten die coolen, hippen, jungen Musiker von Stress bis Seven ziemlich bedeppert in die Röhre. Aber so sieht die brutale Kehrseite der Volksherrschaft durch Voting aus: Wo einer gewinnt, verlieren alle anderen.

    Die Medien reagierten eher entnervt auf den neuerlichen Sieg aus der volkstümlichen Ecke. Ein Journalist schlug vor, die Jury neu zu besetzen (mit Polo Hofer und Pepe Lienhard), einen weiteren Kommentator überkamen sogar Emigrationsgelüste. Was wäre aber so viel anders gewesen bei einem Triumph des Schwammendinger Rappers Bligg? Auch er graste in der Volksmusik und garnierte seinen Hit «Rosalie» mit etwas Appenzeller Retro-Chic, mit Hackbrett und Kontrabass. Sein Pech: Am Sonntagabend schauen die Agglo-Kids kein Schweizer Fernsehen. Allerdings auch nicht von Montag bis Samstag. Da treffen Francine Jordi und ihre Wiesenberger Jodler das durchschnittliche SF-Zuschauer-Profil viel besser. Kalkül? Und wenn schon.

    Schlager-Tussis im Dirndl
    Um meine Interessenbindungen offenzulegen: Auch ich lebe in Nidwalden und gehöre einem Jodelklub an. Was Aussenstehende vielleicht überrascht: Die Traditionalisten unter uns mögen hüpfende Schlager-Tussis im Dirndl auch nicht sonderlich leiden, ebenso wenig den Brauchtumskitsch à la «Feyr vo dr Sehnsucht». Ich sehe das entspannter. Denn die Grundfrage lautet: Wer spielt hier mit wem? Sind die Wiesenberger Naturburschen findigen Musikproduzenten auf den Leim gekrochen? Haben sie ihre Seele verkauft, die Tradition verraten, das Jodeln verhunzt? Das Spiel läuft genau andersrum: Die Nidwaldner nähren bauernschlau das Feuer der Sehnsucht nach Authentizität. Sie stehen für eine urwüchsige Schweiz jenseits von Burka und Bankenkrise. Ein helvetisches Biosphärenreservat ohne Migrationshintergrund.

    Schweizweit bekannt wurde der Klub mit seiner Jodel-Version von «Ewigi Liebi». Der Legende nach entstand der nachmalige Hitparadenstürmer als Ständchen an der Hochzeit des Präsidenten. Später sangen sie das Lied auch an Konzerten, allerdings nur als Zugabe und auf Wunsch des Publikums, wie die Jodler mögliche Nörgler aus der Volksmusikszene beruhigen. «Wir möchten betonen, dass wir traditionelle Jodler sind und uns ganz dem urchigen, unverfälschten Naturjutz verschrieben haben.» Deshalb habe der Klub bei der CD-Aufnahme 2004 auch demokratisch beschlossen, «Ewigi Liebi» nicht zu berücksichtigen. Es kam dann anders. Das Album «Mey Freyd» stieg bis auf Platz 4 der Charts und erschloss ein Massenpublikum, so dass man erstmals seit Jahren wieder von Volksmusik im ursprünglichen Sinn reden konnte: Musik für alle, und nicht nur für eine ulkig wirkende Folklore-Nische.

    Playback als Vergewaltigung
    Alle, die nun glauben, der «Wiesenberg» sei bloss eine Marketing-Idee, ein fiktives Heidiland, täuschen sich. Es gibt ihn tatsächlich, sattgrün im Sommer, kahl und karg im Winter. Vom Engelbergertal führt eine steile, kurvige Strasse hinauf zu den Nidwaldner «Highlands», zum Wiesenberg. Hier heisst der Offroader noch Subaru, der Einheimische Odermatt, Gut oder Niederberger. Der Dialekt macht aus dem Feuer ein «Feyr», aus Haus ein «Huis» und das Fernsehstudio liegt in «Ziri» (Zürich). Fast jeder trägt einen Übernamen, meistens abgeleitet vom elterlichen Bauernhof. «Rieders Ferdis» Sepp, Paul und Noldi etwa sind drei Brüder, drei Söhne des Ferdinand Niederberger und seit Jahren Stützen des Klubs. Man kennt sich, die Welt ist überschaubar – was heute nur noch urbane Spiesser als «miefig» denunzieren.

    Was unterscheidet diesen Jodelklub Wiesenberg von vielen anderen? Seine musikalischen Fähigkeiten können es nicht sein. Unsere Kameraden singen in etwa gleich schief oder je nach Lesart «urchig» wie wir. Aber ihr Gesang kommt von innen heraus wie ein Naturereignis, etwas derb, dafür immer direkt und ungekünstelt. Da verwundert es keinen, dass eine Playback-Veranstaltung, wie es die Sendung «Die grössten Schweizer Hits» ist, einer Vergewaltigung gleichkam. Was die Nidwaldner auf der TV-Bühne ablieferten, war bestenfalls eine miserable Imitation eines Playback-Versuchs. Aber das spricht nicht gegen sie. Die Wiesenberger spielen das Spiel mit – aber immer nach ihren eigenen Gesetzen.

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